1933, kurz vor der Machteroberung der Nationalsozialisten: In
Berlin  demonstriert  die  Rote  Front,  malt  Parolen  auf  Haus-
wände  und  verteilt  Flugblätter.  Mittendrin  der  angehende
Schriftsteller Jan Petersen. Die Nazis übernehmen Berlin, doch
der kommunistische Widerstand geht weiter – obwohl immer
wieder Mitstreiter verschwinden, in Gefangenschaft gefoltert
und ermordet werden.
Alle, was in diesem Buch geschildert wird, ist genau so passiert
– Jan Petersen hat es in den Jahren 1933/34 niedergeschrieben
und  das  Manuskript  unter  Lebensgefahr  ins  Ausland  ge-
schmuggelt. 1938 erschien Unsere Straße in London, erst 1947
in deutscher Sprache. Es gilt als das wichtigste Buch aus dem
deutschen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Zuletzt in
Vergessenheit geraten, wird dieses Zeitdokument von hohem
literarischem Rang nun neu aufgelegt.

JahrSeitenFormatISBN
1934310Softcover9783955520700

Notizen

Rezension aus der Broschüre „Hinter Braunen Fassaden“

Die Aufzeichnungen, die nach dem Vorwort des Autors Jan Petersen (1906-1969) eine „Chronik des antifaschistischen Kampfes und der Ereignisse in der Wallstraße in Berlin-Charlottenburg“ in den Jahren 1933 und 1934 darstellen, sind unter stetiger Lebensgefahr des kommunistischen Schriftstellers und seiner Genossen entstanden. Wenngleich aus Gründen der Sicherheit einige Namen, Personenbeschreibungen und konkrete politische Beziehungen abgeändert wurden, entsprechen beispielsweise die Namen der ermordeten Arbeiter auf der dem Buch angehängten Todesliste der Realität. Ebenso die Schilderungen davon, wie es durch Verrat, manipulierte Justizprozesse oder direkte Machtdemonstrationen der Faschisten vor und nach dem 30.01.1933 zu den zahlreichen Tötungen von Linken kam. Das Buch, aus der authentischen Perspektive des Autors verfasst, erzählt, was in der äußerst „roten“ damaligen Wallstraße (heute Zillestraße) für ein aktiver politischer Betrieb herrschte. Viele Bewohner:innen standen der KPD nahe. Frauen wie Männer hatten ihre Netzwerke aus den 20ern im Untergrund erhalten und organisierten sich kontinuierlich – mit gebotener Konspirativität.
Damit räumt der Text implizit mit der märchenhaften Nachkriegserzählung vieler Bürgerlicher auf, die behauptet, man hätte nichts gegen eine braune Machtübertragung tun können. Im Gegenteil, die Kommunisten in „Unsere Straße“ treffen häufig auf Mitbürger:innen, die bewusst und machtgeil den rechten Arm – im übertragenden Sinne sowie in physischer Form – heben. Andererseits fanden sich irgendwann sogar innerhalb der SA Zweifel am politischen Kurs, es fanden sich insgesamt mehr Sympathisierende im Bezirk, als durch den enormen Terror des Hitlerregiments und dessen Schergen offen gezeigt werden durfte. Trotz des großen gesellschaftlichen Drucks auf die Bevölkerung gab es in dem Arbeiterbezirk Charlottenburg viele Menschen, die gegen Hitler stimmten, die ihn nicht wählten, Pe-
tersen nennt sie die „Neinsager“.
Junge Genossen und Genossinnen aus der Arbeiterjugend wollten unterstützen, baten um Aufklärung – trotz der zahlreichen Verhaftungen, Nazi-Anschläge und Morde.
Die Kommunisten in Charlottenburg, wie auch in anderen Bezirken Berlins, druckten weiterhin Flugblätter, die in den Betrieben verteilt wurden – Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Krisen herrschten in Deutschland; sie schrieben politische Zeitungen, die nachts unauffällig in Briefkästen gesteckt wurden; sie umgingen die mediale Gleichschaltung und konnten Radio aus dem Ausland hören, nachdem an den offiziellen Geräten etwas herumgebastelt wurde.
Und niemand habe gewusst, was in den Gefangenenstätten, was nach Verhaftungen, was in Konzentrationslagern vor sich ging? Genossen wurden in die Lager gebracht, waren schlimmen Misshandlungen ausgesetzt, qualvoller Folter. Einige von ihnen sollten zurückkehren in ihre alte Gegend, um ihren Genossen eine ernste Warnung zu sein, jeglichen politischen Widerstand fortzuführen. Und diese Menschen berichteten, was sie erlebt, was sie überlebt hatten. Man hätte bloß einmal zuhören müssen. So beschreibt an einer Stelle der Autor sehr ausführlich von den Eindrücken eines ehemaligen Inhaftierten, der im KZ Brandenburg in einer Baracke mit dem jüdischen Journalisten und Schriftsteller Erich Mühsam war, Erich Mühsam, bekannt für seine kommunistischen, antifaschistischen Texte. Er wurde besonders übel zugerichtet, Gewalt ist die große Sprache der Faschisten.
Im Text selbst finden sich wiederholt Einschübe des schreibenden Jan Petersens. Er erzählt von den dünnen Wänden, durch die die Nachbarin das Klappern der Schreibmaschine hören konnte. Er musste den Arbeitsort wechseln, denn eine Schreibmaschine bei einer Privatperson in einem Arbeiterbezirk – das würde Aufsehen erregen. Jan Petersen erzählt außerdem von wechselnden Lagerplätzen der fertigen Seiten bei Genossen, als die Manuskriptaufbewahrung in „unserer Straße“ zu heiß wurde. Die Wallstraße war den Faschisten ein Dorn im Auge, sie wussten um die Aktivitäten der Bewohner und Bewohnerinnen, obgleich die roten Fahnen durch tarnende Hakenkreuzflaggen getauscht wurden.
1936 erschien das Buch dann erstmals in Moskau und Bern; ein Manuskriptexemplar hatte offenbar die waghalsige Reise über die Grenze geschafft. Andere Exemplare mussten auf dem Weg aus Sicherheitsgründen spontan vernichtet werden. So half diese literarische Chronik dem Ausland, einen Eindruck von der kommunistischen Arbeit in Berlin, in Deutschland zu bekommen. Offiziell berichtet wurde davon von deutscher Seite aus nicht, weil man die Kommunisten kleinreden wollte, weil den Kommunisten keine Erfolge zugestanden wurden. Das Bild einer homogenen nationalsozialistisch gesinnten Bevölkerung sollte aufkeimende Widerstandsideen ersticken. „Es ist meines Wissens das einzige Antinazibuch, das in Hitlerdeutschland geschrieben wurde und im Ausland erschien“, so der Autor im Vorwort. Später emigrierte er selbst.
Im Dritten Reich getötete Kommunisten und Kommunistinnen erfahren gegenwärtig einen Mangel an Erinnerung. Nicht nur wird auf diese Weise legitimiert, dass das Bürgertum schweigend den Faschismus stützte, als hätte es keine Wahl gehabt; es wird auch darauf geachtet, dass vor allem deutsch-bürgerliche Widerstände heroisch inszeniert werden, damit sich damit identifiziert werden kann. Jan Petersens „Unsere Straße“ ist Pflichtlektüre für jede:n, der:die sich mit der deutschen NS-Zeit auseinandersetzt, und besonders interessant natürlich für Charlottenburger*innen. Zudem dient das Buch als Plädoyer für linke Solidarität, für subversive Zusammenarbeit, wenn Jan Petersen schreibt: „Die Nazis haben die Macht an sich gerissen, weil die Arbeiterschaft sich nicht zum gemeinsamen Kampf finden konnte.“

Links

Galerie

Referenzen

Rezension in:

Hinter Braunen Fassaden. Über Rechte Netzwerke in der City West.

Otto Grüneberg:

Tatort Schloßstraße. Der Mord an Otto Grüneberg am 1. Februar 1931. Reihe Kiez-Geschichten. Historische Hefte zum Kiez am Klausenerplatz. Heft 3

Erich Mühsam:

Fanal. Aufsätze und Gedichte 1905-1932


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert